20 Jahre nicht beim Zahnarzt - Mein Weg raus aus der Angst

    • 20 Jahre nicht beim Zahnarzt - Mein Weg raus aus der Angst

      Hallo an alles Angsthasen da draußen: Mit meinen Erfahrungen seit Jahresbeginn möchte ich all denen unter euch die Verzweiflung nehmen und Hoffnung geben, dass es einen Weg aus dem ganzem Schlamassel gibt. Und wenn ich nur einen von euch erreiche, dann war es mein Erfahrungsbericht schon wert.

      Aber von Anfang an:
      Ich bin 46 Jahre und war seit mehr als 20 Jahren nicht mehr beim Zahnarzt. Durch die durchweg negativen Erfahrungen in meiner Kindheit wollte ich mich dem irgendwann nicht mehr stellen und habe mir ernsthaft eingeredet, ich müsse auch nie wieder gehen.
      Wenn ich in der Vergangenheit einen Zahnarzttermin hatte, habe ich den entweder nicht wahrgenommen oder konnte davor wochenlang nichts mehr essen, weil mir einfach nur noch schlecht war mit diesem Gedanken im Hinterkopf.
      Mit 24 oder 25 habe ich mir dann meine Zähne unter Vollnarkose sanieren lassen. Danach war ich nie wieder.

      In der Zwischenzeit bildete sich zunächst Zahnstein, dann brach mal hier ein kleines Eckchen ab und dort ein größeres, dann verlor ich eine Füllung.... Mir war jedes Mal sowas von schlecht in diesen Momenten. Ich wäre lieber gestorben, als zum Zahnarzt zu gehen! Mit der Zeit kam dann noch die Scham dazu...

      Ich habe dann aus der puren Verzweiflung irgendwann angefangen, meine Zähne selbst mit temporärem Zahnzement zu reparieren. Ich gebe euch einen Rat: Tut das nicht!!!!! Zum kurzfristigen Überbrücken ist das sicherlich eine gute Sache, aber nicht auf Dauer! Dazu gleich mehr.

      Okay, die Scham, ja, die war riesengroß und war letztendlich noch größer als die Angst. Dabei hielten sich die Schäden bei mir wirklich in Grenzen. Im Sichtbereich war, bis auf Zahnstein an den unteren Schneidezähnen eigentlich alles soweit in Ordnung.
      Und wenn was kaputt ging, dann bastelte ich mir mit dem Zahnzement eben eine Füllung....

      Vor zwei, drei Jahren ist mir dann ein Viertel eines kleinen Molaren abgebrochen. Also hab ich das Stück auch mit Zahnzement ersetzt.

      Seit Jahren hatte ich dazu dieses Karussell negativer Gedanken: "Irgendwann musst du zum Zahnarzt!" "Vielleicht sterbe ich vorher, dann muss ich mich dem nicht stellen." "Was wird ein Zahnarzt denken, wenn er meine Zähne und den Zahnstein sieht?"

      Ende letzten Jahres merkte ich dann, wie der Zahn porös wurde und immer mehr kleine Stücke abbrachen. Zu Neujahr hab ich dann für mich den Entschluss gefasst, ich werde einen Termin bei einem Zahnarzt ausmachen und den Termin auch wahrnehmen.
      Ich habe dann auch nach einiger Suche einen Zahnarzt bei mir im Ort gefunden. Mein Gedanke war, der bietet auch Sedierung an, da kann ich zur Not heimlaufen. Ich wollte nämlich nicht, dass mein Lebensgefährte etwas von meiner Angst mitbekommt. Ich habe mich dermaßen geschämt, vor ihm, vorm Zahnarzt, vor der ganzen Welt. Wir sagen uns eigentlich alles, aber dafür war ich nicht fähig. Mittlerweile konnten wir offen darüber reden. Aber damals konnte ich das nicht. Ich wollte diese Angst und Scham alleine mit mir ausmachen und letztendlich war das auch gut so.
      Er wusste nur, dass mir ein kleines Stückchen vom Backenzahn abgebrochen war und ich deswegen einen Zahnarzttermin habe. Mehr nicht. Ich wollte mir damit aber die Chance nehmen, einen Rückzieher zu machen.

      Den Termin habe ich per E-Mail ausgemacht und auch gleich dazugeschrieben, dass ich Angstpatientin bin und lange Jahre nicht beim Zahnarzt war. Dort anzurufen wäre für mich zu diesem Zeitpunkt nicht möglich gewesen. Die Antwort kam schnell - auch per Mail - mit einem Terminvorschlag, den ich ohne zögern sofort angenommen habe.
      Ich bin danach erst einmal in Tränen ausgebrochen und konnte bis zum Termin, der in eineinhalb Wochen war, nahezu nichts mehr essen. Ich war wie gelähmt vor Angst, die Gedanken kreisten nur noch um Zahnarzt, Bohren, Schmerzen, Scham. Es war schrecklich!

      ABER: Ich habe meinen ersten Termin wahrgenommen und saß wohl wie ein Häufchen Elend im Wartezimmer. Nach wenigen Minuten, nach dem Ausfüllen eines Fragebogens, in dem ich nochmals explizit erwähnte, dass ich Angstpatientin bin, wurde ich aufgerufen und bin mit zitternden Knien und eiskalten Händen auf den Stuhl. Die Sprechstundenhilfe hat gleich ein Gespräch mit mir angefangen um die Situation aufzulockern, da kam SIE auch schon. Meine Zahnärztin. Sie ist kurz mit mir den Fragebogen durchgegangen und hat mich beruhigt. Sie wolle zunächst einmal nur in meinen Mund schauen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Das hat sie dann auch getan und mich danach zum Röntgen geschickt.
      Im Anschluss fand dann ein Gespräch mit ihr alleine statt. Ich war beruhigt, als sie sagte, dass meine Zähne keine große Baustelle wären und man alles wieder richten könnte. In diesem Moment fiel mir erst einmal ein riesengroßer Fels vom Herzen. Ich hatte schon horrende Kosten für den kompletten Zahnersatz meines Gebisses im Kopf, aber es war gar nicht so dramatisch. Natürlich gäbe es etwas an ein paar Zähnen zu tun, aber das war es.
      Ich sprach sofort eine Komplettsanierung unter Vollnarkose an. Sie meinte, grundsätzlich wäre das machbar, aber mein Problem wäre damit nicht gelöst. Das war es nach meiner ersten Sanierung ja auch nicht. Die Angst war weiterhin da und ich bin damals einfach nicht mehr zum Zahnarzt gegangen. Ich musste erst einmal schlucken, aber sie beruhigte mich und sagte, wir würden mit kleinen Schritten anfangen und schauen, wie weit ich mich traue. Im schlimmsten Fall könnte man dann immer noch unter Narkose sanieren.
      Sie schlug mir vor, zunächst eine Zahnreinigung mit Entfernung des Zahnsteins zu machen, was ich dann auch tat. Der Termin war gleich am nächsten Tag.
      Die Erleichterung nach diesem Termin war so unendlich groß, ich musste zu Hause erst einmal heulen wie ein Schlosshund. Aber ich war auch verdammt stolz auf mich, dass ich so mutig war und keinen Rückzieher gemacht habe.

      Die professionelle Zahnreinigung (die erste in meinem Leben!) war dann bei einer speziell dafür ausgebildeten Assistentin. Durch die Defekte an meinen Zähne und dem teilweise zurückgegangenen Zahnfleisch war es stellenweise etwas unangenehm aber nicht schlimm! Ich war so stolz auf mich, dass ich das, ohne vom Stuhl zu springen, durchgezogen habe und meine Zähne: die waren frei von Zahnstein, wieder schön hell und glänzend und einfach richtig sauber! Ein wunderschönes Gefühl!

      Der nächste Termin für eine klitzekleine Füllung war dann ein paar Tage später. Ich hatte so Angst davor, Angst, dass die Spritze (wie immer in der Vergangenheit) nicht richtig wirkt und es während der Behandlung weh tut. Meine Zahnärztin war so lieb und einfühlsam. Sie hat mir vor der Betäubungsspritze mit einem Gel die Einstichstelle betäubt, so dass ich den Einstich wirklich überhaupt nicht gespürt habe. Dann kam der Bohrer. Vor diesem Geräusch und dem Gefühl hatte ich all die Jahre die größte Panik und die ersten Minuten hatte ich sicherlich einen Puls von 200. Und ich habe gewartet.... Gewartet, dass es endlich weh tut, wie früher..... aber da kam nichts und ich konnte mich zumindest etwas entspannen. Die Behandlung war nach 20 Minuten vorbei und ich habe nicht eine Sekunde lang etwas gespürt. Meine Zahnärztin hat mir jeden Schritt ausführlich erläutert und nichts aus heiterem Himmel gemacht. Ich war ihr sowas von dankbar. Vielleicht liest sie diesen Bericht eines Tages zufällig und erkennt sich wieder. In ihr habe ich endlich DIE Zahnärztin gefunden, der ich mittlerweile vertrauen kann und der ich so viel zu verdanken habe!

      Der folgende Termin war dann knapp einen Monat später. Der abgebrochen kleine Molar (mittlerweile war nur noch knapp die Hälfte davon übrig) sollte repariert werden. Da ich den fleißig immer wieder mit Zahnzement "repariert" habe, ist es darunter ordentlich weitergefault. Sie musste wirklich tief bohren und viel Zahnsubstanz wegnehmen meinte sie, wir kämen um eine Wurzelbehandlung nicht drum rum. Mein ICH vom letzten Jahr wäre spätestens jetzt vom Stuhl gesprungen und hätte die Praxis nie wieder betreten, aber ich vertraute ihr. Sie würde den Zahn jetzt schon darauf vorbereiten und auch schon wieder aufbauen, damit nicht noch mehr wegbröselt. Sie hat mir dann schon mal den Wurzelkanal aufbereitet, den Zahn restauriert und mit einer temporären Füllung versorgt. Wie ihr schon ahnen könnt: Ich habe rein gar nichts gespürt!

      Gestern hatte ich dann meine Wurzelbehandlung und es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass ich völlig entspannt im Wartezimmer und auf dem Zahnarztstuhl gesessen bin. Ihr ahnt es: Die Wurzelbehandlung war völlig schmerzlos und mein Zahn sieht nun wieder tip top aus.

      In Kürze wir noch ein Weisheitszahn gezogen, der bis auf die "Grundmauern" abgebrochen ist und ein Backenzahn neu gefüllt, an dem eine Seitenwand abgebrochen ist und dann war es das erst einmal an den Sachen, die gemacht werden müssen. Ich gehe da jetzt völlig tiefenentspannt ran, weil ich gelernt habe, dass Zahnarzt KEIN Todesurteil ist!
      Ich möchte mir dann im Anschluss noch die ganzen alten Amalgamfüllungen durch Kunststofffüllungen ersetzen lassen, einfach der Optik wegen.

      Was ich aber mittlerweile sagen kann: Meine Angst ist wie weggeblasen! Ich weiß nicht, wie diese Frau das in dieser kurzen Zeit geschafft hat. Ich hoffe nur, sie bleibt mir noch lange erhalten!
      Ich bin so unendlich stolz auf meinen Mut; froh, dass dieser eklig riechende Zahnstein endlich der Vergangenheit angehört, ich wieder anständig kauen kann und sich meine Gedanken nicht mehr tagtäglich um meine Zähne drehen!

      Ich wünsche euch allen genau diesen Mut! Traut euch! Besser heute als morgen. Aus Erfahrung kann ich euch sagen, es wird nicht besser! Das Problem verschwindet nicht von selbst!
    • Das klingt alles sehr gut.
      Aber ich empfehle dir, deine Amalgamfüllungen zu behalten, solange sie in Ordnung sind.
      JEDE Behandlung ist eine Belastung für den Zahn, bzw. den Zahnnerv. Und Kunststoffüllungen sind auch nicht so super verträglich ... Du willst doch sicher nicht unnötige Probleme provozieren?
      Alles Gute!
    • Das empfehle ich Dir auch,zumal,wenn die draussen sind,verlierst Du mitunter einen Großteil Deines Restzahnes und dann ist da nicht mehr allzuviel übrig,was man noch reparieren kann bzw.neu verfüllen.
      Das ist schon alleine eine Tortur,so und dann wird der Kunststoff noch mit Wärme gehärtet,wenn man ganz viel Pech hat,ist evtl.der "Zahnnerv"so irritiert,das er sich nicht mehr erholt,sondern abstirbt und dann kann man eine WZB nach der anderen über sich ergehen lassen.
      Sofern dort nichts dunkel ist,also sich nichts ausgewaschen hat und keinerlei Schäden aufweisen,würde ich sie drin lassen.
    • Benutzer online 2

      2 Besucher